Do-it-yourself aus dem Internet – Was kann so ein schneller Öltest wirklich?
Erscheinungsjahr: 2026
Im Internet werden von verschiedenen Herstellern Schnelltests für Schmieröle angeboten. Dabei soll ein einziger Tropfen für eine Diagnose des Öls ausreichen. Das Testergebnis zeigt, ob das Öl noch fit für den weiteren Einsatz ist oder gewechselt werden muss. Angeblich sind auch noch etwaige Schäden frühzeitig erkennbar. Können diese Versprechungen wirklich stimmen?
Der Tüpfeltest – schnelle Infos auf den ersten Blick
Die meisten dieser Do-it-yourself-Checks basieren auf dem Prinzip eines klassischen „Tüpfeltests“. Dieser wird bereits seit mehr als 50 Jahren als zwar schnelles, aber grobes Verfahren zur Beurteilung von Ölen verwendet.
Eine geringe Menge des im Einsatz befindlichen Öls wird auf ein spezielles Papier aufgebracht, auf dem sich nach einer vorgegebenen Einwirkzeit der „Tüpfel“ ausbildet.
Anschließend wird das Aussehen des Tüpfels, vom Zentrum beginnend nach außen bis zum Rand, betrachtet. Der Tüpfeltest kommt auch in vielen Schmierstofflaboren zum Einsatz – allerdings beinahe nur für Motoröle und als Teil der visuellen Begutachtung. Ein erfahrener Laborant kann vom Aussehen des Tüpfels durchaus Rückschlüsse auf die Beschaffenheit des Öls ziehen. Für das geübte Auge zu erkennen sind dabei z.B. Hinweise auf hohe Einträge von Kraftstoff, Kühlerfrostschutzmittel oder Verbrennungsruß sowie die Fähigkeit des Öles, letzteren möglichst gleichmäßig bis zum äußeren Rand des Tüpfels zu tragen (Dispergierfähigkeit). Fallen dem Profi beim schnellen Check mit dem Tüpfeltest Unregelmäßigkeiten auf, wird diesen immer in nachfolgenden Untersuchungen im Labor auf den Grund gegangen.
Für Ungeübte oftmals wie Lesen aus dem Kaffeesatz
Beim Blick auf einen kleinen Rest Kaffee in der ausgetrunkenen Tasse erkennen Sie vielleicht die Farbe, kleine Reste der gemahlenen Bohnen, nicht aufgelösten Zucker oder auch, ob Milch im Kaffee war. So ähnlich wird es Ihnen vermutlich ergehen, wenn Sie sich einen Öltüpfel auf dem Papier genauer anschauen. Was erkennen Sie außer der Größe, dem Umriss und der Farbe wirklich genau? Bei der Bewertung mit dem DIY-Tüpfeltest stehen zum Vergleich Abbildungen anderer Tüpfel zur Verfügung. Doch können Sie mit bloßem Auge etwaige feinste Ablagerungen im Inneren des Tüpfels erkennen? Wenn Sie solche Teilchen überhaupt sehen, handelt es sich um Ruß, um Metallpartikel oder anderes? Muss das Öl vielleicht nur gewechselt werden oder droht ein kapitaler Schaden? Um diese Fragen zu beantworten, bieten einige Lieferanten der schnellen Tüpfeltests mittlerweile auch die Bewertung mittels KI an. Diese KI-gestützte Begutachtung soll noch zuverlässigere Ergebnisse als die Selbstauswertung vor Ort liefern.
→ Zugegeben: Wir als Labor für die Analytik von Schmier- und Betriebsstoffen mit langjähriger Erfahrung haben da so unsere Zweifel. Oder sind dies vielleicht nur Vorurteile? Wir wollten es genauer wissen und haben ein Experiment gemacht!
Das Experiment: Do-it-yourself vs. Analysen aus dem OELCHECK Labor
Tests für Selbstanwender waren schnell im Internet bestellt. Sie sind ansprechend aufgemacht, auch an begleitenden Erklärungen fehlt es nicht. Jeder Testbogen für Kraftfahrzeuge kann zur Prüfung von Motoröl, Getriebeöl, Bremsflüssigkeit oder Öl aus der Servolenkung verwendet werden. Ein spezieller Test für Industrieöle war bei dem von uns ausgewählten Lieferanten leider nicht erhältlich.
Für unser Experiment wählten wir fünf Ölproben aus, die zuvor bereits im OELCHECK-Labor untersucht worden waren. Anschließend führten wir mit denselben Ölen die im Internet erworbenen Tüpfeltests durch. Die Tüpfel von zwei Ölen schickten wir zudem an den Anbieter zurück, um sie dort KI-gestützt auswerten zu lassen.
> Hydrauliköl HLP 46 aus einem Mobilbagger
! OELCHECK Labor: Dringender Handlungsbedarf!
Die Probe ist stark verunreinigt. Auch ohne Mikroskop sind Partikel (> 40µ) deutlich erkennbar. + Erhöhter Anteil von magnetisierbaren Eisenpartikeln (PQ-Index). + Unkorrekte Probenentnahme könnte die ermittelten Werte eventuell beeinflusst haben.
Empfehlung: Lassen Sie das Öl in Kürze nochmals prüfen. Sind Sie allerdings sicher, dass die Probenentnahme korrekt durchgeführt wurde und die Probe repräsentativ für die Ölfüllung ist, sollten Sie das Öl umgehend wechseln.
Ergebnis Tüpfeltest mit Selbstauswertung:
Unklar
Da kein gesonderter Test für Industrieöle erhältlich war, wurde uns als Alternative die Untersuchung für Öle von Servolenkungen empfohlen. Bei der Begutachtung des Tüpfels konnten wir keine Fremdpartikel erkennen und ihn farblich auch nicht eindeutig zuordnen. War er unproblematisch hell? Oder schon etwas dunkel und lieferte damit einen Hinweis auf etwaige Ablagerungen, die einen Ölwechsel erforderlich machten? Das Ergebnis des Tests war leider nicht eindeutig.
> Getriebeöl aus dem Schaltgetriebe eines Ferrari Daytona 365
! OELCHECK Labor: Dringender Handlungsbedarf!
Die Analyse der Verschleißelemente (Chrom!) liefert eindeutige Hinweise auf einen erhöhten Lager- und/oder Zahnradverschleiß. + Das Öl zeigt eine leichte Trübung. Verdacht auf Wasser. Das FTIR-Spektrum bestätigt den erhöhten Wasseranteil.
Empfehlung: Führen Sie möglichst bald einen Ölwechsel durch und beseitigen Sie die Fehlerursache. Kontrollieren Sie den Erfolg Ihrer Maßnahmen durch eine erneute Analyse.
Ergebnis Tüpfeltest mit Selbstauswertung:
Öl uneingeschränkt weiterverwendbar
Der Tüpfel war so hell, dass auch gegen Licht kaum etwas Genaues zu erkennen war. Erhöhter Verschleiß und deutlich erhöhter Wassergehalt waren nicht erkennbar. Gemäß Farbzuordnung zeigte der Test eine normale Betriebsfähigkeit an.
> Motoröl aus dem Ottomotor eines VW T5 3.2 V6
! OELCHECK Labor: Dringender Handlungsbedarf!
Obwohl Ölwechsel erst vor 7 Monaten und 18.000 km:
Wassergehalt deutlich erhöht. + Motoröl mit Kühlmittel kontaminiert. + Fortgeschrittene Ölalterung. + Leicht erhöhter Kraftstoffeintrag. + Erhöhter Motorverschleiß. + Leicht erhöhter Nitrationswert (NOx) aufgrund von Durchblasegasen.
Empfehlung: Ihren Angaben zufolge wurde das Öl nach Probennahme bereits gewechselt. Prüfen Sie auf jeden Fall das Kühlsystem. Lassen Sie die Motoreinstellung kontrollieren!
Ergebnis Tüpfeltest mit Selbstauswertung:
Ölwechsel empfohlen
Entdeckt wurden der erhöhte Gehalt an Kraftstoff und Wasser. Nicht erkannt wurden allerdings der Eintrag von Kühlmittel und Anzeichen von Motorverschleiß.
> Motoröl SAE 0W-20 aus dem Ottomotor eines Jaguar XJ 3.0 l
! OELCHECK Labor: Dringender Handlungsbedarf!
Deutlicher Motorverschleiß + Starke Ölalterung + Gefahr von Angriff auf Buntmetalle + Leicht erhöhter Wassereintrag im Öl + Hinweis auf Kompressionsmangel + Durchblasgase/Blow-Bys (erhöhte Nitration)
Empfehlung: Sofortiger Ölwechsel!
Ergebnis Tüpfeltest mit KI-Auswertung:
Weiterer Test nach 5.000 km
Erkannt wurden: Verbrennungsrückstände, schlechter Ölzustand, Wassergehalt erhöht. Falsch erkannt: Kraftstoffgehalt erhöht. Nicht erkannt: Hoher Motorverschleiß, starke Ölalterung, mangelhafte Brennraumabdichtung, Kraftstoffeintrag nicht hoch, sondern leicht und noch im normalen Bereich.
> Motoröl aus dem Dieselmotor eines Audi Q7 3.0 l TDI
! Motoröl aus dem Dieselmotor eines Audi Q7 3.0 l TDI
Stark erhöhter Motorverschleiß! + Deutlich erhöhter Kraftstoffeintrag! Mögliche Ursache eventuell unverbrannter Kraftstoff im Motoröl durch Kaltstarts, Kurzstreckenfahrten, fehlerhafter Kraftstoffeintrag. + Öl kann nicht mehr ausreichend Säuren aus dem Verbrennungsprozess neutralisieren. (Die Basenzahl BN ist deutlich gesunken.)
Empfehlung: Sofortiger Ölwechsel mit vorhergehender Spülung!
Ergebnis Tüpfeltest mit KI-Auswertung:
Weiterer Test nach 5.000 km
Erkannt wurden: Rußbildung, schlechte Verbrennung, eventuell Schaden/Vorschaden wegen Gemischbildung, schlechter Ölzustand, erhöhter Kraftstoff- und Wassergehalt.
Nicht erkannt: Stark erhöhter Motorverschleiß, starke Ölalterung inklusive „Versauerung“ des Öls.
UNSER FAZIT:
- Ein DIY-Tüpfeltest kann Hinweise zu Auffälligkeiten bei Motorölen liefern. Allerdings kann er auch mit KI-unterstützter Auswertung weder das genaue Ausmaß der Auffälligkeiten, noch deren mögliche Ursachen ermitteln. Der Lieferant der von uns genutzten DIY-Tüpfeltests schließt für diese im Kleingedruckten auch jegliche Haftung und Ansprüche an ihn aus. Außerdem empfiehlt er selbst für präzise Analysen ein Labor zu nutzen.
- Eine umfassende Analyse im Labor kann ein DIY-Tüpfeltest nicht ersetzen. Er ist nur für eine schnelle, aber grobe Orientierung geeignet. In einigen Fällen führt er jedoch regelrecht in die Irre!
- Der Labor-Tüpfeltest spielt dagegen in einer ganz anderen Liga. OELCHECK überprüft damit alle Motoröle unter Beachtung der Prüfnorm ASTM D7899.Dabei wird ein Öltropfen auf ein Filterpapier getropft. Nach einstündigem Erwärmen des Papiers hat sich das Öl gleichmäßig verteilt und wird anschließend mit einer computergestützten Kamera ausgewertet. Aus der Fläche, dem gleichmäßigen Aussehen und der Schwarzfärbung des Tüpfels wird auf das Schmutztragevermögen (Dispergierfähigkeit) und den Rußgehalt von Motorölen geschlossen. Das Schmutztragevermögen von Motorenölen, das Rückschlüsse auf die Motorensauberkeit zulässt, verschlechtert sich durch Additivabbau, Oxidation und saure Reaktionsprodukte aus der Kraftstoff-Verbrennung. Neben der IR-Spektroskopie zeigt der Tüpfel durch eine gleichmäßige Verteilung der Rußpartikel, ob das Öl noch in der Lage ist, Verunreinigungen so in Schwebe zu halten, dass sie zum Ölfilter transportiert und von diesem ausgefiltert werden können. Die Intensität der Dunkelfärbung zeigt den Rußgehalt. Ein transparenter Außenring verweist auf Kraftstoffanteile. Bei Frostschutz-Glykol verteilt sich der Öltropfen nicht. Durch das unbestechliche Auge der Kamera kann das subjektive Empfinden einer persönlichen visuellen Betrachtung objektiv und reproduzierbar in Zahlenwerte umgesetzt werden.
- In jedem OELCHECK Laborbericht für Motoröle führen wir unter der Rubrik „Ölzustand“ das verbleibende Schmutztragevermögen des Motoröls in % auf.
Außerdem finden Sie im Bericht immer das Foto des im Labor angelegten und ausgewerteten Tüpfels!
Und: Bei der Analyse eines Motoröls im OELCHECK-Labor betrachten wir das Ergebnis eines Tüpfeltests niemals isoliert, sondern immer nur im Zusammenspiel mit den über 30 zusätzlichen Werten, die bei der Laboranalyse gemessen werden!
OELCHECK beantwortet auch Ihre Fragen zu den Themen Schmier- und Betriebsstoffanalysen sowie Tribologie.
Kontaktieren Sie uns per E-Mail (info@oelcheck.de) oder Fax +49 8034/9047-47.
OELCHECKER Winter 2025, Seite 12-13